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Religion und Gesellschaft


4. Ethik und Verantwortung

4. Ethik und Verantwortung

4.1 Ethik

Wie alle, in Sozialverbänden lebende Wesen, stellte uns die Evolution in das Spannungsfeld zwischen der Selbstbehauptung als Individuum und dem Wohl der Gemeinschaft, deren Teil wir sind. Diese Prägung erklärt die weltweit ähnlichen Grundregeln des Verhaltens im unmittelbaren Kontakt, und auch die Vorsicht bei der Begegnung mit fremden Menschen. Sie birgt das Risiko der Enttäuschung, der Ablehnung oder führt sogar in Konflikte. An kleinen Kindern ist gut zu beobachten, wie aus der Balance zwischen Vorsicht und Mut zu aktivem Vertrauen Gemeinschaft erwächst.

Wir müssen uns darüber verständigen, wie weit die Freiheit und die Bedürfnisse der Individuen dem Zusammenleben in der Gruppe unterzuordnen sind. In größeren Gemeinschaften braucht es dafür formale Regeln, eine lehr- und erlernbare Ethik. In der Pflege der Religionen wurde sie zur verbindenden Grundlage der Gemeinschaft, bis hin zur Achtung staatlicher Gesetze.

Der Weltgemeinschaft der Vereinten Nationen fehlt leider noch ein „Weltethos“ zur Gestaltung ihrer friedlichen Zukunft. Zu verschieden und zu tief in alten Weltbildern verankert sind noch die Machtstrukturen und die Religionen.  Wo die Freiheit des Denkens besteht, wurde und wird über zeitgemäße einsichtige Begründungen für ethische Regeln nachgedacht und diskutiert. Bücher über Ethik füllen seither Bibliotheken.

Die traditionelle Begründung der drei Buchreligionen lag zwischen dem Versprechen des Seelenheils beim Befolgen der Gebote Gottes und drohender Verdammnis bei Verstößen dagegen. Oft maßten sich lokale Machthaber dabei die Rolle eines schon irdischen Richters an. Die Schwäche dieser Moral erhellt die Anekdote über einen Pfarrer, der sich über Nachbarskinder ärgert, die seine Äpfel stehlen. Er bringt am Baum ein Schild an, mit der Warnung „Gott sieht alles“ ! Als er zurückkommt, steht darunter „aber er petzt nicht“.

Nach den Erzählungen der Evangelien stellte Jesus die Nächstenliebe im zweiten Gebot auf die gleiche Stufe wie die Liebe zu Gott im ersten Gebot, bei Heilungen auch über das religiöse Gesetz der Sabbatheiligung. Im Gleichnis des barmherzigen Samariters würdigt er die spontane, unreflektierte Menschlichkeit über nationale Grenzen hinweg und fordert sogar die Feindesliebe.  Die „Goldene Regel“ gebraucht er in der aktiven Form: „Was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch“ (Matth. 7,12). Ebenso Immanuel Kant (1724-1804) in seinem abstrakteren Stil: „Handle stets so, dass die obersten Grundsätze deines Willens zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“.

Die Erweiterung von Erkenntnis und Wissen ändert auch die Gewichtung unserer ethischen Einstellungen. Albert Schweitzer (1875-1956) verwarf die Ethiker des 19. Jahrhunderts, die zunächst versuchten, einen Sinn des Lebens zu bestimmen, um dann eine diesem Sinn dienende Ethik zu begründen. Dies hielt Schweitzer für einen Irrweg, weil er einen Sinn des Lebens für nicht erkennbar hielt. In „Kultur und Ethik“ beschreibt er seine Suche nach einer schlüssigeren Begründung für Ethik. Sie sollte dem rationalen Denken einsichtig sein und zugleich emotional zum Handeln motivieren. Er fand sie in der „Ehrfurcht vor dem Leben“ und verdeutlichte sie mit dem Satz: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“.  Viele, die sich heute für eine lebenserhaltende Umwelt einsetzen, folgen seiner Begründung als Maßstab und Antrieb bei ihrem Tun.

Was wir heute über unsere Herkunft wissen, liefert neue Aspekte über Ethik.  Der Ruf der Aufklärung „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ war noch ideell begründet. Seit klar ist, dass alle heute lebenden Menschen von der einen „Urmutter“ in Afrika abstammen, sind wir auch genetisch Schwestern und Brüder. Damit wird jede Form von Rassismus oder Nationalismus zum schlichten Bildungsmangel.  Aber auch unsere überraschend enge genetische Nähe zur Affenherde müssen wir ernsthaft und schmunzelnd weiterdenken. Es gilt die Balance zu halten zwischen dem bequemen Einordnen in die Geborgenheit der hierarchischen Gemeinschaft und der selbstverantwortlichen Wahrung der demokratischen Freiheit und Solidarität gegen die Gruppenzwänge solcher Hierarchien.

Es ist unsere ethische Pflicht, für die jetzt noch ungewisse Zukunft Verantwortung zu übernehmen. Zur Orientierung bleibt uns dabei nur, die Vergangenheit aus der Sicht unserer Gegenwart zu bewerten.


4.2 Erkenntnis und Verantwortung

Jeder neue Stand von Wissenschaft und Technik beschleunigt die weitere Entwicklung. Computer steuern die Satelliten in der Weltraumforschung und verbessern Wetterprognosen. Tomographen verbessern Diagnosen in der Medizin und das Internet erweitert den globalen Gedankenaustausch. Immer mehr früher Unerklärliches zwar verständlich, aber zugleich wächst die Einsicht in die Komplexität der Welt in uns und um uns. Sie zeigt sich, neben unserer anfangs erwähnten Beschränktheit, als weitere Grenze unseres Erkenntnisvermögens. Trotz grenzenloser Kommunikation, trotz systematischer Ordnung und begrifflicher Verdichtung des Wissens verfügt niemand mehr über eine Gesamtsicht.

So verschieden die Bewusstseinsinhalte der Einzelnen sind, durch Politik und Lehrpläne an den Schulen oder durch Kommunikation über Medien, bilden sich auch Gemeinsamkeiten in dem, was vielen ins Bewusstsein rückt. Es entsteht ein kollektives Weltbild. Anderes gerät aus dem Blickfeld und wird verdrängt oder vergessen.

Bis vor wenigen Jahrzehnten sah sich die Menschheit einer übermächtigen Natur gegenüber, gegen die sie sich behaupten musste und für viele gilt dies noch heute.  Die Naturgewalten sind weiter ungebrochen. Aber die industrielle Technik verschiebt die Perspektive. Nun sehen wir uns als Teil einer sehr verletzlichen Natur, auch von Auswirkungen unserer Zivilisation existenziell bedroht. Wege aus dieser Gefahr sind zwar in Sicht, werden aber aus politischem Unvermögen nur zögerlich beschritten.

Oft dauert es quälend lange bis neue Einsichten in politisches Handeln münden. Große Parteien oder Kirchen wird dann gern mit einem großen Tanker verglichen, der wegen seiner Masse seinen Kurs nur langsam ändern kann. Machen wir uns nichts vor: Die träge Masse steckt außer in den Organisationen auch in jedem von uns Individuen. Die Biologie unserer Gehirnzellen und ihrer Vernetzung erlaubt keine Sprünge. „Lichtblicke“ treten erst nach langer Vorbereitung ins Bewusstsein. So schleppt sich auch der obrigkeitliche Gewissenszwang über unsere Vorfahren weiter. Ihn durch Jahrhunderte zu ertragen, war nur möglich durch eine verinnerlichte Anpassung. Äußere Kandaren wirken als „innere Kandaren“ über Generationen fort.

Im Bericht des ‚Club of Rome’ von 2018 (zum 50. Jubiläum seiner Gründung) findet sich die bedenkenswerte Botschaft: „Die menschliche Fähigkeit zu handeln hat die Fähigkeit zu verstehen weit übertroffen“. Das galt für den selbst ernannten Homo sapiens wahrscheinlich schon immer. Aber die Produktivkraft der heutigen Industrie hat das Übergewicht unseres Handelns noch einmal potenziert.

Das überlegte, selbständige Denken bleibt ein Kraftakt und zum Verstehen reicht das Blickfeld - auch beim aufrechten Gang - oft nicht weit genug.  Mit solchen sehr unvollkommenen Einsichten ist uns die Verantwortung für die weitere Evolution des Lebens auf der Erde völlig unvorbereitet in den Schoß gefallen.  Uns dieser Verantwortung zu stellen ist die ethische Forderung unserer Zeit.

Wie in der Einleitung gesagt, erfordert ein kreatives, friedliches Zusammenleben unserer Gesellschaft einen Konsens in ethischen Grundfragen. Zwar stehen wir alle in dieser Verantwortung, aber noch sieht eine Mehrheit die Pflege der Ethik als Aufgabe der Kirche oder schiebt sie ihr zu, wenn auch mit wachsenden Vorbehalten.  Eine Kirche, die der Gesellschaft auch in Zukunft ethische Orientierung geben will, muss sich der Freiheit des Denkens stellen und bereit sein, ihre Glaubensgrundlagen selbstkritisch zu überdenken.


Nächstes Kapitel: Reformation der Glaubensinhalte



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