Die Anfänge der Religionen bleiben wohl im Dunkel unserer Evolutionsgeschichte. Sicher rätselten schon die ersten sprachfähigen Gruppen des Homo Sapiens über ihre Existenz.
Die ältesten bis jetzt entdeckten Zeichen entstanden vor 40 000 Jahren. Steinzeitliche Jäger- und Sammlernomaden hinterließen sie in Höhlen der Schwäbischen Alb. Die technische und gestalterische Qualität ihrer Kunstwerke, mit Steinzeit-Technologie erschaffen, bezeugen, dass sie uns geistig sicher ebenbürtig waren. Das gilt auch für die gestaltenreichen Höhlenbilder im Süden von Frankreich und Spanien. Weil sie noch keine Schrift kannten, wissen wir leider nichts über ihre Sprache, die Regeln ihres Zusammenlebens und wie sie ihre Existenz in ihrer Umwelt deuteten, ihr Weltbild.
Beim Anblick des so lebensnah gestalteten Wildpferds wünscht man sich, mit dem Künstler zu plaudern, während er es aus Mammutelfenbein schnitzt oder seine Sippe tanzen zu sehen, wenn im Museum die Töne aus einem Nachbau einer Flöte erklingen. Aber leider können wir nur bewundern was sie uns hinterließen. Einzelne ihrer Skulpturen zeigen stark betonte weibliche Formen. Stilisiert als Konturen auf Steinplatten eingeritzt, wurden sie vielerorts von Spanien bis in den Ural entdeckt. Ein Geburts- oder Fruchtbarkeitskult, vielleicht eine frühe Form von Religion, schien über ganz Europa verbreitetet. Die steinzeitliche Kultur dieser Vorfahren überdauerte noch weitere 30 000 Jahre, bis zur Erfindung der Landwirtschaft.
Die Evolution hat uns in enger Bindung an die Natur geformt. Wir sind die Nachkommen der tierischen Vorfahren, die überlebten, weil sie ihrem Lebensraum am besten angepasst waren und sich darin am genauesten auskannten. Seit der Mutation zum sprachfähigen Bewusstsein können wir zur Anpassung auch den Verstand einsetzen und mit Hilfe der Sprache die Erfahrung anderer Menschen nutzen, um zeitraubende und gefährliche Irrwege zu vermeiden. Geprägt von dieser Vorgeschichte wird jedes Kind als Philosoph geboren. Wir wollen die Welt verstehen, die Welt in uns und die Welt, die uns umgibt. Jede Grenze, an die wir dabei stoßen, weckt die Neugier auf das Jenseits dieser Grenze, und so auch an der Grenze unserer Vorstellungskraft, den Wunsch „das Ganze“ überblicken zu können. So entsteht unser Weltbild aus dem Bestreben unsere Existenz zu deuten. Das Interesse an Philosophie oder Religion scheint unserer Spezies angeboren.
„Beschrieben“ finden wir religiöse Vorstellungen erst nach der Erfindung der Schrift. Etwa 6000 Jahre vor Christus kam sie zunächst nur zur Buchhaltung über Handelsgeschäfte in Gebrauch. Die erste Dokumentation von Sprache wird auf ca. 2000 AC datiert. Ab dieser Zeit öffnen Inschriften an Ägyptischen Tempeln, und Grabstätten und Tontafel-Archive, die um Kultstätten und Paläste erhalten blieben, deutlichere Einblicke in religiöse Vorstellungen.
Dann ab ca. 800 AC entstanden die zahlreichen philosophischen und „heiligen“ Texte, fast zeitgleich und weltweit, vom jeweiligen Weltbild des Wissens geprägt. Mit Glaube und Wissen waren die Weltbilder immer im Wandel, aber in frühen Epochen noch langsam, über Generationen hinweg kaum wahrnehmbar. So galten den Autoren der Bibeltexte Religion und Wissen noch als Einheit mit zeitloser Gültigkeit. Selbst Martin Luther erstrebte noch eine Re-Formation seiner Kirche, zurück auf ihre ewige Gestalt.
Der Aufschwung der Wissenschaften zum Ende des Mittelalters spaltete die Einheit des Denkens in ein Gegenüber von Glaube und Wissen, in subjektive existenzielle Erfahrung und objektive, im gegenseitigen Austausch wahrgenommene Realität, in Religion und Weltbild.
Heute wandelt und erweitert sich unser Weltbild in atemberaubendem Tempo. Aber genetisch haben wir Menschen uns seit der Steinzeit kaum verändert. Unser Verhalten im unmittelbaren sozialen Kontakt ist uns angeboren. Deshalb behalten viele Empfehlungen von Menschenkennern aus biblischen Zeiten bis heute ihren Sinn. Soweit Glaubensinhalte aber mit überholten Vorstellungen des antiken Weltbilds verbunden sind, verlieren sie mit diesem ihre Bedeutung.
Drei Begriffe, wie sie in diesem Text verwendet sind, seien hier kurz definiert:
Glaube deutet unsere Existenz und weist ihr einen Sinn zu. Als wahr wird er empfunden, wenn er Orientierung gibt und der eigenen existenziellen Erfahrung entspricht. Weil Glaube hauptsächlich Bereiche berührt, die sich der Logik entziehen, ist er sprachlich eher in mythischen Bildern fassbar. Seine Lebenspraxis vollzieht sich in kultischen Formen. Kult und Mythos verbinden zur Glaubensgemeinschaft.
Wissen beruht auf dokumentierbaren Fakten und erklärenden Aussagen, die logisch schlüssig miteinander verknüpft sind. Viele Menschen mit verschiedenen Erfahrungen können sie daraufhin überprüfen, ob sie sich widerspruchsfrei in ihr Vorwissen einfügen lassen. Dann gelten sie als wahr und verbinden diejenigen, die sie anerkennen, zu einer Wissensgemeinschaft.
Weltbild ist der Stand der Natur- und Kulturwissenschaften, wie er in Universitäten und Schulen gelehrt und von der Gesellschaft weitgehend übernommen wird. Wir Europäer betrachten die übrige Welt zumeist aus unserem geographisch bedingten Blickwinkel. Nur bei Wenigen reicht er weiter, um die religiösen und kulturellen Traditionen der übrigen Welt zu erkennen oder gar zu verstehen. Unter ‚Weltbild’ ist hier also ein europäisches Weltbild zu verstehen.
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